Donnerstag, 26. Februar 2026

Nutzwert statt Marktwert

Zur betriebswirtschaftlichen Logik bedarfswirtschaftlicher Organisationen

 

Dieser Beitrag gehört zur Reihe „Betriebswirtschaftlich-bedarfswirtschaftliche Grundlagen“. Der Text verfolgt keinen eigenständigen Forschungsanspruch, sondern bietet eine Einführung und Orientierung.

 

1. Ausgangspunkt: Eine implizite Prämisse der Betriebswirtschaftslehre

Ein Großteil der etablierten Betriebswirtschaftslehre operiert – oft implizit – mit einer zentralen Prämisse:
Der wirtschaftliche Wert einer Leistung manifestiert sich primär im Marktwert, also in dem Preis, den andere bereit sind zu zahlen. Diese Prämisse prägt nicht nur Investitionsrechnungen, sondern auch Controlling-Instrumente, Erfolgskennzahlen und strategische Entscheidungslogiken.

Für erwerbswirtschaftliche Unternehmen ist diese Perspektive funktional. Für bedarfswirtschaftliche Organisationen hingegen ist sie problematisch. Denn hier ist der Marktwert nicht Zweck, sondern allenfalls Nebenbedingung. Der eigentliche Maßstab wirtschaftlichen Handelns ist der Nutzwert für definierte Bedarfsträger.

2. Marktwert und Nutzwert: Zwei unterschiedliche Wertlogiken

Der Marktwert ist ein relationaler Wert:
Er entsteht im Austausch, unter Bedingungen von Knappheit, Zahlungsfähigkeit und Wettbewerb. Er sagt etwas darüber aus, wie stark eine Leistung im Markt nachgefragt wird – nicht notwendigerweise, wie sinnvoll, notwendig oder wirksam sie für einen konkreten Bedarf ist.

Der Nutzwert hingegen ist ein zweckbezogener Wert.
Er bemisst sich daran, in welchem Ausmaß eine Leistung dazu beiträgt, einen bestimmten Bedarf zu decken, ein Problem zu lösen oder eine Aufgabe zu erfüllen. Der Nutzwert ist damit inhaltlich, nicht primär monetär bestimmt.

In bedarfswirtschaftlichen Kontexten – etwa in Beschaffungsgenossenschaften, öffentlichen Unternehmen und als Stiftung geführten Wirtschaftsunternehmen ist diese Unterscheidung zentral. Hier ist wirtschaftliches Handeln nur dann sinnvoll, wenn es sich am Nutzwert orientiert.

3. Das betriebswirtschaftliche Missverständnis: Marktlogik als Universalmodell

Ein verbreitetes Missverständnis besteht darin, marktwertbasierte Instrumente als universell gültig zu behandeln. Investitionsrechnungen, Renditekennzahlen oder Wettbewerbsvergleiche werden auch dort angewendet, wo der Markt gar nicht der primäre Koordinationsmechanismus ist.

Das führt zu systematischen Verzerrungen:

  • Leistungen mit hohem Nutzwert, aber geringem Marktwert erscheinen ineffizient.

  • Langfristige Wirkungen werden gegenüber kurzfristigen monetären Effekten abgewertet.

  • Organisationsziele werden schleichend an marktliche Erfolgsmaßstäbe angepasst.

Die Folge ist nicht selten eine Zweckentfremdung der Organisation: Sie beginnt, sich an Kennzahlen zu orientieren, die ihren eigentlichen Auftrag nur unzureichend abbilden.

4. Nutzwert als betriebswirtschaftliche Leitgröße

Eine bedarfswirtschaftlich orientierte Betriebswirtschaftslehre muss den Nutzwert systematisch in den Mittelpunkt stellen. Das bedeutet nicht, ökonomische Rationalität aufzugeben – im Gegenteil. Es bedeutet, sie präzise auf den jeweiligen Unternehmenszweck auszurichten.

Zentrale Fragen lauten dann:

  • Welcher konkrete Bedarf soll gedeckt werden?

  • Für wen entsteht der Nutzwert?

  • Wie lässt sich der Zielerreichungsgrad sachgerecht beurteilen?

  • Welche Ressourcen sind dafür in welchem Umfang erforderlich?

Kosten, Effizienz und Wirtschaftlichkeit behalten ihre Bedeutung – allerdings bezogen auf den Nutzwert, nicht relativ zu Marktpreisen oder Renditeerwartungen.

5. Konsequenzen für Controlling und Steuerung

Wenn der Nutzwert zur zentralen Referenzgröße wird, müssen auch Steuerungsinstrumente neu gedacht werden. Klassische monetäre Kennzahlen reichen nicht aus. Ergänzend – und teilweise vorrangig – sind erforderlich:

  • qualitative Zielgrößen,

  • wirkungsbezogene Indikatoren,

  • langfristige Stabilitäts- und Versorgungsmaßstäbe.

Das Controlling wird damit weniger zu einem Instrument der Ergebnisbewertung und stärker zu einem Instrument der Zweckklärung und Lernsteuerung.

6. Fazit: Eine andere Rationalität, keine geringere

„Nutzwert statt Marktwert“ bedeutet nicht weniger Rationalität, sondern eine andere Rationalität. Eine, die sich am Sinn wirtschaftlichen Handelns orientiert und nicht an seiner bloßen Marktfähigkeit.

Für bedarfswirtschaftliche Organisationen ist diese Perspektive keine Option, sondern eine Notwendigkeit. Eine Betriebswirtschaftslehre, die diesen Unterschied ernst nimmt, gewinnt an analytischer Schärfe – und an praktischer Relevanz.

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